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Frank Bsirske – der wohl wichtigste Gewerkschafter der vergangenen Jahre

09. Oktober 2020
Frank Bsirske Verdi Bild von karepa/Adobe Stock

Er verhandelte geschickt hinter verschlossenen Türen und trug den Arbeitskampf wenn nötig auf die Straße. Ob es ohne ihn den Mindestlohn gäbe, ist fraglich.

Der Name Frank Bsirske ist den meisten Deutschen ein Begriff. 18 Jahre lang prägte er als Verdi-Vorsitzender die Gewerkschaftslandschaft und trieb zahlreiche wirtschafts- sowie sozialpolitische Debatten voran. Jetzt will der frühere Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi für die Grünen in den Bundestag einziehen. In einem Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung gab der 68-Jährige an, eine Kandidatur in Wolfsburg anzustreben. Grund genug, sich den Mann einmal genauer anzuschauen, der jahrelang als wichtigster Gewerkschafter Deutschlands galt.

Karriere und Leben

Frank Bsirske engagierte sich nach Abschluss seines Studiums der Politikwissenschaften zunächst in der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst, Transport und Verkehr (ÖTV). Nachdem er 2001 von den Delegierten der neuen Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zum Vorsitzenden gewählt wurde, war Frank Bsirske 2001 maßgeblich am Zusammenschluss der Partnergewerkschaften zur "Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft" (ver.di) beteiligt.

Fünf unterschiedliche Gewerkschaften hatten sich zu der Riesenorganisation mit nahezu drei Millionen Mitgliedern zusammengeschlossen: dazu zählten neben der von Bsirske geführten ÖTV (Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr), die HBV (Handel, Banken, Versicherungen), die Postgewerkschaft, die CDU-nahe DAG sowie die linke IG Medien.

Geschickter Verhandler und nervenstarker Straßenkämpfer

Die Gewerkschaft Verdi ist dank ihrer Mitglieder aus rund 1.000 Berufsgruppen einzigartig in ihrer Vielfalt. Dass Bsirske bis letztes Jahr Vorsitzender einer der größten deutschen Arbeitnehmerorganisationen blieb und stetig wiedergewählt wurde, lag unter anderem auch daran, dass er nicht nur hinter verschlossenen Türen verhandeln, sondern den Arbeitskampf im Zweifelsfall auch auf die Straße tragen konnte. Gemeinsam mit den Beschäftigten erreichte er regelmäßig überdurchschnittliche Zuwächse. So beispielsweise 2015 für ErzieherInnen, die dafür zu Zehntausenden auf die Straße gingen.

18 Jahre lang trug Bsirske zahlreiche Tarifauseinandersetzungen aus, häufig mit Thomas Böhle, dem Präsidenten der kommunalen Arbeitgeber, als Gegenüber. Gemeinsam mit Böhle modernisierte er 2005 das Tarifrecht für den öffentlichen Dienst und schaffte den veralteten Bundes-Angestelltentarifvertrag (BTA) ab, so dass sich dieser nicht mehr nach Lebensalter, sondern nach der Arbeitsleistung richtete. Damals „eine Revolution“, so Böhle.

Wegbereiter für den Mindestlohn
Auch der Mindestlohn, den die Bundesregierung vor fünf Jahren einführte, wird zum großen Teil dem Einfluss Bsirskes Gewerkschaft zugeschrieben. „Wenn man Bilanz zieht, ist es ein großer Erfolg gewesen, Verdi zu einer starken Stimme für die Arbeitnehmer in unserem Land gemacht zu haben. Die Durchsetzung des gesetzlichen Mindestlohns wäre sonst nicht möglich gewesen.“ sagt er in einem Interview mit dem Magazin Stuttgarter Nachrichten. Auch Kanzleramtsminister Helge Braun würdigte den Mindestlohn als "großen und leuchtenden Stern" in Bsirskes Karriere.

In Potsdam zeigte Bsirske im Februar des vergangenen Jahres bei seinen letzten Tarifverhandlungen noch einmal, was in ihm steckt. Wie immer ließ er sich dabei vor den Gesprächen mit Berlins Finanzsenator Matthias Kollatz für die Bundesländer besonders viel Zeit mit der Begrüßung der Gewerkschaftler vor dem Hotel, die wie so oft in den letzten Jahren kamen, um ihm den Rücken zu stärken. Gewohnt kämpferisch kündigte er über das Megafon eine harte Gangart an: "Unter 6 Prozent gehen wir hier nicht weg". Nach 37 langwierigen und zähen Verhandlungsstunden, wurden es am Ende sogar ganze acht Prozent – bei einer Laufzeit von 33 Monaten. Bsirske nennt es "das beste Ergebnis seit Jahren".

Unternehmenseinordnung: ver.di – vereinte Dienstleistungsgewerkschaft

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (kurz Verdi) ist eine deutsche Gewerkschaft mit Sitz in Berlin. Die Organisation ist Mitglied im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und entstand im Jahr 2001 durch den Zusammenschluss von fünf Einzelgewerkschaften. Mit etwa zwei Millionen Mitgliedern aus 1.000 Berufen ist sie nach der IG Metall die zweitgrößte deutsche Gewerkschaft und die größte freie Einzelgewerkschaft der Welt. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft nimmt durch Beitragszahlungen jährlich rund 479 Millionen Euro ein und beschäftigt deutschlandweit ungefähr 3000 Mitarbeiter.

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